Montag, 28. September 2015 – „Die Fronten waren geklärt“

Das mit „dem Jetlag ein Schnippchen schlagen“ hatte irgendwie nicht funktioniert, ich wurde nachts mehrfach wach und um 4:30 Uhr gab ich dann auf. Ich fühlte mich trotzdem frisch und ausgeruht. Als ich mit meiner Guten-Morgen-Zigarette nach draußen trat, schwappte mir die Luft quasi entgegen. So eine Suppe hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Die Luft konnte man fast trinken und in den Lichtkegeln der Straßenlaternen tanzten die Wassertröpfchen.

Ich ließ es ruhig angehen, kochte mir erstmal Kaffee, surfte bissl durch das Discover America Forum – Zeit hatte ich ja genug.

Um 7 Uhr traf ich mich mit Gerd zum Frühstück und trällerte ihm ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegen.
„Mostly cloudy, 30 % Chance of Rain“ war die Antwort.

Gerds Stirn war in Sorgenfalten gelegt und er blickte nach oben. Man konnte aber nix sehen, es war noch stockdunkel. Von dieser demotivierenden Begrüßung ließ ich mir aber nicht die Laune verderben.

Schließlich sollte ich heute meine ersten Plantagen zu Gesicht bekommen und es war auch gleich noch ein Leckerchen dabei

Wir frühstückten Toast mit Marmelade, Cream Cheese und Beton-Ei, dazu gab es Kaffee. Den O-Saft schütteten wir weg, irgendwie war die Packung gerade zu Ende und das Zeug im Plastikbecher sah eher wie eine Urinprobe aus

Kurz vor 8 Uhr waren wir startklar. Als mir Gerd die Kühlbox zeigte, musste ich schmunzeln. Glaubte er, dass ich mit dem ganzen Wasser, welches wir gestern gekauft haben, duschen will?
Die Kühlbox war bis obenhin voll mit seiner 2 Liter Limonadenflasche, Bier, Dr. Pepper, Tomatensaft, meine kompletten 6 Dosen Diet Coke und zwei einsamen Fläschchen Wasser. Eis hätte keines mehr reingepasst. Also nahm ich das erstmal in die Hand und erklärte, dass ja nicht immer alles kalt sein muss, sondern nur das, was wir für den Tag brauchen.

Ach ja, unser Auto taufte ich in einem Anfall unendlicher Kreativität auf den Namen Darky – er hatte die Farbe „darkblue“

Kaum hatten wir den Großraum von Atlanta hinter uns gelassen, meinte ich entlang der Straße Kudzu zu sehen.

Gerd fährt, Silke ist Beifahrer:
S: Da ist doch dieses Kudzu Zeug?
G: Hab ich nicht gesehen, ich fahre.


Während Gerd fuhr fummelte er gleichzeitig an den diversen Knöpfchen und Rädchen der Aircondition rum, was dazu führte, dass er dann immer wieder etwas ruckhaft die Fahrspur korrigierte. (Das würde er aber nie zugeben .) Damit er sich damit intensiver beschäftigen konnte, schlug ich einen Fahrerwechsel vor.

Gesagt - getan – kurz darauf saß ich hinter dem Lenkrad. Und bekam eine Fahrstunde…

Erst wurde mir erklärt, dass ich auf die linke Spur fahren soll, wenn auf dem rechten Seitenstreifen jemand steht. Puhhhh, wie hab ich nur die Touren der vergangenen 15 Jahre überstanden, ohne solche Ratschläge??? (Da bin ich natürlich auch schon auf die linke Spur gefahren, aber nicht 1 Meile, sondern 500 m vorher…)

Plötzlich bremste Darky, ohne dass ich die Bremse berührt hatte. Neben dem Schalthebel war ein Hebelchen (Handbremse), an dem war Gerd hängengeblieben, als er an der AC rumspielte

Dann griff er mir ins Lenkrad, weil ich meine Sonnenbrille nebenbei putze und Gerd der Meinung war, dass ich rechts raus fahre… (was bei ihm ja vorhin bei seinen AC-Spielchen nicht passiert war…)

Da musste ich dann erstmal klarstellen, welches jeweils die Spielwiese von Fahrer und Beifahrer ist! Ich drohte noch, die Kühlbox auf dem Rücksitz anders zu stellen, sodass ich den Sicherheitsgut, mit dem sie festgeschnallt war, nach vorne hole und ihm quer über den Mund lege.
So, die Fronten waren geklärt und wir fuhren gemütlich weiter.

Nach einer Stunde bat ich ihn, die AC etwas runterzustellen, denn obwohl ich alle Klappen zu hatte, war das nicht richtig dicht und ich befürchtete, dass mir die Füße bald abfrieren.

Bei Augusta musste ich auf den Hwy 278 wechseln, fuhr aber eine Ausfahrt zu früh ab. Schließlich war es Zeit für ein Dreherle

Gegen 11 Uhr war auch der erste Fotostopp fällig. Unser Ziel war die Redcliff Plantation. Das Gebäude wollten wir nicht besichtigen, sondern schlenderten nur etwas um das Haus herum und machten Fotos. Der Himmel war bedeckt und zeigte sich in schüchternem Weiß.


Aber warm war es, irgendwie sehr warm, mächtig schwül. Nach nur wenigen Schritten brach der Schweiß aus allen Poren. Während der Fahrt mit der Kombination offenes Fenster (ich) und Aircondition (Gerd) hatte man das gar nicht so gemerkt.


Gerd fing plötzlich an zu zappeln, denn er war in einen Ameisenhaufen getreten. Die waren fies! Ganz kleine unscheinbare Erdhügelchen, als ob ein Maulwurf kurz mit der Schnauze rausgekommen wäre… Dass da so mistige kleine Ameisen drin sind, hat man gar nicht gesehen, erst als man sie gespürt hat… Ich konnte mir ein Glucksen nicht ganz verkneifen, wie er da so von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Hätte ich da nur mal mehr Mitleid gezeigt…

Bevor wir weiter fuhren ging ich noch auf die Toilette beim kleinen Visitor Center. Huch, war das kalt dort! Ich hatte das Gefühl, dass der Schweissfilm, der meine Haut überzog, sofort zu einer Eisschicht erstarrte.

Weiter ging es dann auf dem Hwy 78. Alles sehr grün rechts und links der Straße. Sehr ungewohnt für mich in Verbindung mit „USA“. Einige meiner Forum-Freunde hatten Bedenken geäußert, ob es mir dort gefällt, weil ich ja der Wüsten-und-rote-Steine-Fan bin. Aber das Grün störte mich überhaupt nicht.

Im Gegenteil, ich war ganz fasziniert, dass es solche meilenlangen schnurgeraden Straßen auch mit vielen Bäumen rechts und links gibt. Und ich bekam einmal wieder ein Beispiel für die Multitasking-Fähigkeit der Y-Chromosomenträger:

Silke fährt, Gerd ist Beifahrer:
S: Guck mal, da ist wieder dieses Kudzu Zeug.
G: Ja, das ist das.
S: Das war das wie vorhin auch.
G: Da hab ich es nicht gesehen, da bin ich gefahren.
S:


Wir sind durch viele kleine Nester gekommen. Einige haben mir gut gefallen, bei anderen war ich froh, schnell wieder durch zu sein. So näherten wir uns langsam unserem heutigen Ziel: Charleston. Ok, nicht direkt Charleston, sondern wir hatten uns Zimmer in einem Days Inn etwas außerhalb, in Summerville, reserviert. Zum Glück!!! (Wie ich später feststellen sollte!)

Gegen 14:45 Uhr kamen wir dort an und brachten schnell unseren Krempel auf unsere Zimmer. Während der kurzen Zeit, in der die Zimmertür offenstand, beschlug sofort der Spiegel, weil die feuchte Luft ins Zimmer waberte.

Dann machten wir uns aber auch gleich wieder auf den Weg, denn wir wollen noch zur Boone Hall Plantation, einem der Drehorte von „Fackeln im Sturm“. Ich war ganz überrascht, denn von der Lage her hatte ich mir das alles ganz anders vorgestellt. In meiner Vorstellung war da die Plantage und meilenweit rechts und links nix weiter. Daher war ich etwas perplex, dass die Plantage gefühlt quasi „mitten im Ort“ liegt, denn kurz vorher fuhr man noch an Häusern, einer Art Wohnsiedlung, vorbei.

Innerlich war ich nun richtig aufgeregt. Wow! Meine erste „richtige“ Plantage, also eine, die für mich einen Wiedererkennungswert hat. Schon allein die Oak Alley begeisterte mich restlos.

Ein Motiv, welches ich schon zigmal im TV gesehen hatte, nun war es Wirklichkeit. Wunderschön, diese alten, knöcherigen, auslandenden Bäume mit dem Spanish Moss, welches von den Ästen herab hing
Dann kam das Mansion in Sicht und ich hätte am liebsten geweint vor Freude. Es war so schön, „Mont Royal“ mit eigenen Augen zu sehen
Viel Zeit hatten wir leider nicht, denn blöderweise schloss die Boone Hall Plantation bereits um 17 Uhr. (So wie übrigens fast alles in der Region.) Daher gaben wir Gas und drehten in einem Affentempo eine kleine Runde vor dem Haus und im Garten.

Eine Besichtigung vom Haus musste aus Zeitgründen entfallen. (Was mich aber im Nachhinein gar nicht ärgerte.) Hier kam sogar mal kurz die Sonne zum Vorschein und es zeigte sich ein Fitzelchen blauer Himmel. Aber auch mit den weißgrauen Wolken hatte es mir alles schon sehr gefallen.

Dann ging es nach vorne zur Allee und ein Stück diese entlang, um ausgiebig nach beiden Seiten zu fotografieren. Ich wäre am liebsten durch die Allee gehüpft , wollte aber nicht wie ein pubertierendes Mädchen wirken.

Ach ja - nach nur wenigen Minuten hatte ich keinen trockenen Faden mehr am Leib. Es war zwar gar nicht so heiß, vielleicht so 28°C, aber die Luftfeuchtigkeit war der Hammer!

Ich konnte gar nicht so schnell schwitzen, wie mir warm war

Dann ging es ab zu den Sklavenquartieren. Dort ist alles liebevoll nachgestellt, mit entsprechender Einrichtung, diversen Puppen und Utensilien. Auf Schautafeln wird vieles erklärt.

Und immer wieder wanderte mein Blick zur prachtvollen Oak Alley.

Und dabei passierte es dann mir: Nun latschte ich in so einen fiesen Ameisenhaufen und führte den gleichen Hüpf-Tanz auf wie Gerd vor einigen Stunden. Nun war es Gerd, der sich ein Grinsen und einen Kommentar nicht verkneifen konnte.

Dann war unsere Speed-Besichtigung der Boone Hall Plantation auch schon wieder vorbei, denn die Uhr zeigte, dass die Pforten gleich schließen würden.

Und nu? Gerd machte den Vorschlag, doch schon mal nach Charleston zur East Battery zu fahren und ich war sofort Feuer und Flamme. Aber dann … eng, Gedränge, Mordsstau, Verkehrslärm... ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Ich war gedanklich darauf gepolt, dass es ein nettes Viertel ist, eine Mischung aus schönen Wohnhäusern und netten Restaurants, Cafés etc. Dass es sich aber quasi um ein reines Wohngebiet handelt, darauf war ich nicht vorbereitet.

Die Vorstellung, dort morgen von allen Häusern Passfotos zu machen, hat mich nicht so gereizt. Auto parken, 100 m in die eine Richtung, 100 m in die andere, würde mir da voll und ganz genügen. Wir beschlossen, das morgen zu entscheiden, ob und wie lange wir nochmal dort reinfahren. Gerd war es egal, mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers sagte er, dass er die eh schon alle bei schönstem blauen Himmel fotografiert hatte….

Es dauerte, bis wir aus Charleston raus waren und ich war irgendwie von dem Stau und dem Lärm „überfahren“ und nervös. Meine Nerven entspannten sich erst wieder, als wir auf der Ashley River Road waren. Hier war es wieder so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Schon allein der klangvolle Name, Ashley River Road. (Ok, da musste ich immer an den blassen, langweiligen Ashley Wilkes aus „Vom Winde verweht“ denken…) Dann sah ich sogar ein Straßenschild „Rhett Butler Drive“ und natürlich die Stichstraßen nach Drayton Hall, Magnolia Plantation und Middleton Place. Die ersten beiden standen für morgen auf dem Programm und schon jetzt war die Vorfreude groß.

Gegen 19 Uhr waren wir zurück in Summerville und befragten das Navi nach Restaurantvorschlägen. Unsere Wahl fiel auf das Logans Roadhouse und wir waren sehr zufrieden. Als Vorspeise gab es Rocking' Onion Petals, Gerd entschied sich für gegrillten Lachs, ich nahm Spare Ribs, dazu einen Salat und French Fries. Wir waren beide sehr zufrieden und pappsatt.

Zurück im Motel haben wir mit je 2 Dosen Bier erstmal den Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen, dann folgten die abendlichen Arbeiten und natürlich die tägliche Kurz-Meldung im Discover America Forum. Zwischendurch ging ich immer mal raus, um mich aufzuwärmen, denn ich ließ die Aircondition laufen, damit es nachher zum Schlafen hoffentlich etwas kühler im Zimmer sein würde. Und ich machte mich auf die Suche nach einem Getränkeautomaten, denn ich brauche nachts immer eine Flasche Wasser neben dem Bett. Die Kühlbox stand bei Gerd im Zimmer und dort lag auch der Autoschlüssel, so dass ich nicht, wie während meiner anderen Touren gewohnt, einfach fix was aus dem Auto holen konnte.

Heute war für mich um 0.30 Uhr Zapfenstreich.

Info-Links:
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Boone Hall Plantation
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Logans Roadhouse