Samstag, 10. Oktober 2015 – „Der Entschluss“

Als ich um kurz nach halb fünf nach draußen ging, um meine Guten-Morgen-Zigarette zu rauchen, stellte ich fest, dass es sich nachts recht stark abgekühlt hatte. Sterne konnte man keine entdecken, der Himmel war komplett zugezogen.

Ich war trotzdem motiviert!

G: „Heute soll es viel kälter werden und wolkig.“
S:


Und auch als wir nach dem Frühstück gegen 8 Uhr losfuhren, hatten sich an der Wetterlage nichts geändert. Im Gegenteil, kurz nachdem wir Natchez verlassen hatten, sah man ein paar (wenige) Nieseltröpfchen auf der Frontscheibe.

G: „Es regnet.“
S: „Ja, es nieselt ganz leicht.“
G: „So war es gemeldet. 20 % Chance of Rain.“

(Brave Nieseltröpfchen! Sie haben die 20 % Marke erfüllt, sonst hätte der Wetterbericht ja nicht gestimmt!)

Unser erstes Ziel war die Rosswood Plantation, bei der wir jedoch nur einmal fix über die Auffahrt fuhren und noch kurz für ein paar Fotos stoppten.

Eigentlich wollten wir dann den Old Country Store besuchen, den konnten wir nur von außen anschauen, da er erst um 10 Uhr öffnete.

So lange wollten wir nicht warten. Blöd war nur, dass ich dort gerne mal den Restroom aufgesucht hätte.
Da die letzten Tage sehr „häuserlastig“ waren und ich nach bissl Ablenkung lechzte, hatte Gerd in die heutige Etappe eine Ghost Town eingebaut. Und daher verließen wir den Hwy 61 und fuhren nach Old Rodney. Dort hielten wir zuerst an einer kleinen Kirche, hinter der ich erstmal verschwand. Sie erhielt nachher von mir den Namen „Kirche der Erleichterung“ . Auch hier war überall Kudzu…
Und hier schafften es dann auch ein paar Sonnenstrahlen, die Wolkendecke zu durchbrechen. In mir stieg die Hoffnung, dass es vielleicht doch bald aufreißen würde .

Eine richtige Ghost Town ist Rodney allerdings nicht, denn ein paar der weniger baufälligen Häuser waren offensichtlich noch bewohnt. Da fühle ich mich ja immer irgendwie unwohl und verzichtete auch auf Fotos. Ich komme mir dann immer so vor, als würde ich absichtlich das Elend mancher Leute fotografieren.

Bei der Old Rodney Church findet man diverse Tafeln, auf denen einiges zur Geschichte der Kirche und des Ortes erzählt wird.

Nun ging es weiter zur nächsten Station. Auf diese freute ich mich besonders, denn verschiedene Fotos hatten den Wunsch geweckt, diese irgendwie spiritistisch anmutende Location selbst zu sehen: die Windsor Ruins.

Als wir dort ankamen, war der Himmel wieder komplett zugezogen. Egal! Wir pirschten uns einmal fotografierend um die Ruinen drum herum.

Gerd hatte unser Auto so abgestellt, dass es nicht ins Foto gerät. Ein weiterer Besucher hatte auch so viel Grips und hielt weiter hinten, sodass sein Auto von Sträuchern verdeckt wurde. Leider waren andere Besucher nicht so rücksichtsvoll, denn wir waren gerade zur Hälfte um die Ruinen rum, als drei Harleys auftauchten, die komplett vor den Ruinen geparkt wurden und so voll im Bild waren . Als wir dann wieder vorn ankamen, waren die Leute gerade dabei, von ihren Harleys Aufnahmen zu machen. So nach dem Motto „das Motorrad war bei den Windsor Ruinen“…

Egal, ich lehnte mich ans Auto, trank in Ruhe eine Dose Tomatensaft und rauchte eine Zigarette. Gerd saß schon zur Abfahrt bereit im Auto. Ich hatte mein Verlangen nach den Ruinen aber noch nicht gestillt und wollte noch eine Runde drehen, wenn die Harleyfahrer endlich weg wären.
Gerd wollte eigentlich nicht mit und teilte mir dies feinfühlig wie eine Abrissbirne mit: „Mir fehlt die Sonne, aber ich habe ja schon Fotos von den Ruinen in der Sonne“

Jetzt hätte ich wirklich explodieren können. Diese fast tägliche Jammerei über das Wetter zerrte nun gewaltig an meinen Nerven.
Ich war erschöpft, zwar nicht körperlich, aber mental
Bohr doch einfach noch ein bisschen tiefer in der Wunde und wirf ein paar Pestbazillen hinein…

Klar hätte ich selber auch gerne optimales Wetter gehabt. Aber wenn es halt nicht so ist, dann nehme ich es so, wie es ist und habe trotzdem meinen Spaß. Es ist aber auf Dauer schwer, sich selber zu motivieren, wenn man immer und immer wieder einen Dämpfer bekommt .

Pffft – jetzt erst recht!!! Ich beschloss, dass eine so schaurig-schöne Location bei diesem eher düsteren Licht viel mehr Atmosphäre hat!

Und hier und in diesem Moment fasste ich den Entschluss: Ich komme wieder!
So, wie Scarlett O'Hara nach Kriegsende zurück nach Tara kam, vor dramatischem Abendhimmel auf dem Feld stand und sich mit ner Möhre in der Hand schwor „ich werde nie wieder hungern“, fühlte ich mich nun.

Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte ebenfalls die Hand zum Schwur gen Himmel erhoben und pathetisch die Worte gesprochen „ich werde die Windsor Ruins auch mal bei Sonne sehen“ .

Und als die Harleys endlich abgerauscht waren, machte ich mich nochmal auf Streifzug. (Und Gerd tingelte seltsamerweise doch hinterher.)

Nun fuhren wir auf direktem Weg nach Vicksburg.

Nach einem kurzen Infoblättchen-Sammel-Besuch im Visitor Center besuchten wir das Battlefield. Eigentlich stand das bei mir gar nicht so auf dem Radar, aber das Wetter hatte sich noch nicht wesentlich geändert und ich lechzte, wie schon geschrieben, nach anderen Eindrücken als nur „Häuser gucken“.


Huch, ich wusste gar nicht, dass Lenin hier auch mitgemischt hat

Aber das Battlefield war nicht so wirklich „meins“. Sehr viel Epos, sodass es irgendwie übertrieben wirkt.

Wirklich berührt hat mich da nur eine Stelle, an der sichtbar war, wie nah sich die Fronten tatsächlich gekommen waren, als sich die Gegner quasi nur ein paar Meter getrennt gegenüberstanden.

Aber während unseres Besuches vom Battlefield wurde das Wetter nun endlich besser.
Wir fuhren zum reservierten Days Inn, checkten ein und brachten schnell unseren Kram auf die Zimmer. Dann ging es wieder auf die Pirsch und nach dem Besuch vom Battlefield gierte ich nun wieder richtig nach Antebellum Häusern .

Und da gibt es in Vicksburg durchaus das eine oder andere hübsche Exemplar.
Überhaupt gefiel mir der Ort sehr gut, denn er bot sehr viele verschiedene Ansichten und Eindrücke.
Wir fuhren runter zum Mississippi und stellten das Auto auf dem Parkplatz gegenüber von dem kleinen Bahnhofsgebäude (heute Museum) ab. Dann schlenderten wir an den Vicksburg Riverfront Murals entlang. Dies sind Wandmalereien an den Flutschutzwänden vom Mississippi und sie erzählen von wichtigen geschichtlichen Ereignissen der Stadt. So macht Geschichte einfach nur Spaß, denn die Murals sind wunderschön gezeichnet, voller Liebe und Details.
Jedoch rollten wir die Geschichte quasi von vorne auf, d.h. in der Reihenfolge trafen wir erst auf die Murals der jüngeren Geschichte, liefen also „rückwärts“ in der Entwicklung der Stadt. Zurück zum Auto schlenderten wir dann durch den kleinen Catfish Row Art Park.

Daher Empfehlung: Durch den kleinen Park bis zur Ecke Leeve Street / Clay Street laufen und dort dann bei den Murals in der richtigen Reihenfolge beginnen.

Zum Abendessen gingen wir ins Rusty's Riverfront Grill und genehmigten uns gegrillte Shrimps. Die waren richtig lecker, ohne diese pappige Panade, die oftmals jeglichen anderen Geschmack überdeckt.

Da unsere Biervorräte gestern ausgegangen sind, fuhren wir anschließend noch zum Walmart. Zurück im Motel setzten wir uns auch heute Abend wieder an einen Tisch im Poolbereich. Lang hielten wir es dort aber nicht aus, denn das Days Inn liegt quasi direkt am Mississippi und vom Fluss kroch die Kälte empfindlich spürbar herauf.

Gegen halb neun gingen wir in unsere Zimmer und hier fing für mich die eigentliche Arbeit nun an, denn die Hunderte Fotos wollten noch überspielt und gesichert werden, Notizen tippen etc.

Ich war irgendwie total geplättet. Diese vielen verschiedenen Eindrücke hatten mich heute regelrecht überflutet und mussten erstmal verarbeitet werden. Groggy kroch ich wieder gegen 22:30 Uhr ins Bett.

Info-Links:
Windsor Ruins Forum-Thread
Rusty's Riverfront Grille